JSP Gruppe

2011-04-26 Stau-Erkennung mit neuen Methoden

Dank intelligenter Software den Stau umfahren

(993, Gerd Scholz-Automobilwoche) Die verstärkte Nutzung von Handy-Daten für Verkehrsinformationen bringt neue Spieler auf den deutschen Markt. Den BMW-Service Real-Time Traffic Information wird die britisch-französisch-italienische Firmengruppe MILE liefern. Der bislang von Navteq gespeiste BMW-Dienst V-Info+ wird sukzessive auslaufen. 

Damit die Stauwarnung nicht erst ankommt, wenn bereits alle Räder stillstehen werden zunehmend Handys als mobile Verkehrssensoren eingesetzt, um aktuellere und präzisere Verkehrshinweise zu erstellen. (Foto: BMW)

München. Im Rennen um die besten Verkehrsinformationen geht der Trend zur Nutzung von Handy-Positionsdaten – zusätzlich zu den Informationen von Sensoren in den Straßen und GPS-Daten von Flottenfahrzeugen. TomTom bietet auf dieser Basis bereits seinen Dienst HD Traffic an, für den Vodafone Daten liefert. Für das RTTI-System von BMW wird das britische Unternehmen ITIS, das zur MILE-Gruppe gehört, zunächst drei Jahre lang Handy-Daten von rund 17 Millionen O2-Kunden auswerten. Und die Deutsche Telekom kündigte jüngst ebenfalls an, auf Handydaten basierende Verkehrsinformationen anzubieten. Das Ziel lautet, Staus schneller zu erkennen und auch Nebenstrecken zu erfassen.

Die Qualität der Verkehrsinformationen dürfte entscheidend von der zur Auswertung eingesetzten Software abhängen. Denn die Positionsdaten der Mobiltelefone sind relativ ungenau. Der Netzbetreiber weiß nur, in welcher Mobilfunkzelle sich ein Handy befindet. Der Durchmesser dieser Zellen kann im städtischen Bereich einige hundert Meter, im ländlichen Raum auch mehrere Kilometer betragen. Zudem ist nicht erkennbar, ob ein Fußgänger oder Autofahrer das Gerät bei sich trägt.

Hoher Aufwand für genaue Daten

GPS-Daten aus Fahrzeugen dagegen sind auf wenige Meter genau – und man weiß, dass die Daten aus einem Fahrzeug stammen. Wenn man also die Wahl hätte, würde man natürlich die Daten von GPS-Systemen in Fahrzeugen bevorzugen, erläutert David Levine. Er ist Geschäftsführer des Unternehmens ITIS Deutschland, das als Mitglied der MILE-Gruppe die Verkehrsinformationen für das RTTI-System von BMW liefern wird. Diese Wahlmöglichkeit zwischen genauen GPS- und ungenauen Handy-Daten existiert allerdings de facto nicht, wie Levine im Gespräch mit der Automobilwoche erklärt. Denn um gute Verkehrsinformationen zu erstellen, würde man nach Levines Schätzung GPS-Daten von fast einer halben Million Fahrzeuge in Deutschland benötigen. Und diese müssten im Zwei-Minuten-Rhythmus aktualisiert werden.
Tatsächlich seien aber in Deutschland wohl nur 80.000 Fahrzeuge mit Systemen ausgestattet, die nicht nur GPS-Daten für die Navigation empfangen, sondern auch die eigene Position senden. Im Wesentlichen handele es sich um Flottenfahrzeuge und Taxis. Deshalb nutze man zusätzlich Handy-Daten, betont der ITIS-Geschäftsführer. Die Ungenauigkeit werde dabei durch die „schiere Masse“ der Daten aufgewogen. Bei der Auswertung und Interpretation dieser Daten für Verkehrsinformationen sieht Levine sein Unternehmen als weltweit führend an. In Großbritannien biete man derartige Dienste bereits seit etwa zehn Jahren an. Später seien Israel, Australien, Belgien und andere Länder hinzugekommen.

Rechenarbeit auslagern

Für die ConnectedDrive-Kunden von BMW, die sich für RTTI entscheiden, stellt ITIS nach eigenen Angaben nicht nur die Verkehrsinformationen bereit, sondern auch Cloud-basierte Navigationsdienste. Das bedeutet, dass beispielsweise Routenberechnungen und Stauumfahrungen nicht unbedingt im Navigationssystem des Fahrzeugs erfolgen müssen. Alternativ könne das in einem zentralen Rechenzentrum erfolgen, wo eine viel größere Computerleistung zur Verfügung steht. Statt selbst zu „rechnen“ wird dann das ConnectedDrive-System per Mobilfunk eine entsprechende Anfrage an das Rechenzentrum schicken und von dort die berechnete Route bekommen. Diese Konstellation, so Levine, erlaube aufgrund der größeren Rechenleistung noch mehr Funktionen als die Berechnung im Bordcomputer.
Zum Start wird das neue System von BMW und ITIS neben Deutschland auch in Frankreich, Großbritannien und Italien verfügbar sein. Das sind auch die Länder, aus denen die an MILE beteiligten Firmen stammen: die französische Mediamobile, das britische Unternehmen ITIS und die italienische Infoblu. Alle drei Unternehmen liefern in ihren Heimatmärkten bereits TMC-Verkehrsdaten an BMW. Das bislang im Rahmen von ConnectedDrive angebotene Verkehrsinformationssystem V-Info+ wird BMW zufolge sukzessive durch RTTI ersetzt. Die TMCpro-Verkehrsdaten für V-Info+ liefert Navteq in Deutschland.

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