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2015-06-09 GALILEO – Satellitentechnik für die Zukunft

Autonomes Autofahren und Ortungsdienste erfordern ultra-präzise Navigationsdaten aus dem All. Diese soll Galileo liefern. Unternehmen testen nun erste Anwendungen des europäischen Satellitensystems

 

Jürgen Rees Wirtschaftswoche Düsseldorf Alle reden vom autonomen Autofahren. Doch künftig sollen auch Güterzüge ohne Lokführer ihren Zielbahnhof finden, Schiffe ohne Kapitän den Hafen erreichen und sogar Flugzeuge ohne Piloten landen können. Damit das funktioniert, müssen die Robo Verkehrsmittel stets genau wissen, wo sie sich befinden. Doch um ihre Position zu errechnen, benötigen sie neben äußerst exakten elektronischen Karten auch ultrapräzise Satellitensignale, genauer als alles, was bisher an Positionsdaten aus dem All verfügbar ist.

 

Genau da soll das europäische Satellitensystem Galileo helfen. Ein Projekt, das seit Jahren Probleme bereitet – nun aber immerhin Lebenszeichen funkt: Seit Ende März kreisen Satellit Nummer sieben und acht um die Erde. In diesem Herbst soll eine russische Sojus-Rakete Nummer neun und zehn auf die rund 23 500 Kilometer hohe Umlaufbahn um die Erde schießen. Erreichen die je 40 Millionen Euro teuren Geräte funktionsfähig ihr Ziel, kreisen endlich genug Funkbojen im Himmel, um kommendes Jahr die ersten Anwendungen zu starten. 2020 soll das System mit dann 30 Satelliten komplett sein.

 

Ein Durchbruch – für die autonome Mobilität, vor allem aber für die europäische Präsenz in dem Markt. Denn bisher verfügen nur die USA mit dem Global Positioning System GPS, die Russen mit Glonass und die Chinesen mit Beidou über künstliche Erdtrabanten für Ortungsdienste, die auch für Militärs extrem wichtig sind. Die Europäer dagegen versuchen seit Jahren vergeblich, sich mit ihrem Satellitennavigationssystem Galileo aus der Abhängigkeit von den drei Ländern zu befreien.

 

Mit mindestens sechs Milliarden Euro Kosten ist Galileo heute das kostspieligste europäische Industrieprojekt. Die Betriebskosten von rund einer Milliarde Euro jährlich sind da noch nicht einmal einberechnet. Dafür bietet es schon in der frühen Ausbaustufe gegenüber seinen Rivalen einen entscheidenden Vorteil: Es ist deutlich genauer.

 

Wie sich das kommerziell nutzen lässt, testen Forschungsinstitute und Unternehmen wie der Industrieriese Siemens, der Kommunikationskonzern Vodafone oder der IT-Service-Dienstleister Scisys seit wenigen Tagen auf den zwei Testgeländen Automotive Gate und Rail Gate, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in der Nähe von Aachen betreibt.

 

Die ersten Tests sind vielversprechend: „Schon heute merken wir die bessere Leistung von Galileo“, sagt Oliver Funke, Projektleiter Raumfahrtmanagement beim DLR. Handelsübliche GPS-Navigationsgeräte erfassen heute Signale von sechs bis acht Satelliten zugleich und können so die Position eines Autos auf circa zehn Meter genau berechnen. Es ginge exakter, doch die präziseren Signale darf nur das US-Militär nutzen. Galileo dagegen schaffte in einem ersten Test mit nur vier Satelliten schon acht Meter Genauigkeit. Doch Funke sagt: „Das voll ausgebaute System wird Positionen von Autos, Flugzeugen oder Zügen noch genauer bestimmen können.“ Und die hochpräzisen Signale, die Galileo künftig kommerziell vermarkten will, sollen sogar bis auf wenige Zentimeter genau sein. Das ermöglicht etwa die Vermessung der Erdoberfläche, wird aber auch Voraussetzung fürs automatische Fahren der Zukunft sein.

 

Zudem bietet Galileo einen Rückkanal, über den Alarmzentralen bei Notrufen die genaue Position des Senders empfangen und eine Bestätigung an den in Not Geratenen senden können. Bergsteiger etwa, Wanderer oder Segler könnten so viel schneller gerettet werden. GPS kann das bisher nicht.

 

„Galileo ist viel mehr als nur eine bessere Satellitennavigation fürs Auto“, sagt Funke. So testet das DLR auf den 28 Schienenkilometern des Versuchsgeländes auch, wie Bahnbetreiber die Sicherheitsabstände zwischen Personenzügen verkürzen und Strecken so besser auslasten können. Schließlich weiß Galileo in Zukunft auf den Meter genau, wo die Züge sind.

 

Technisch noch anspruchsvoller ist der automatische Landeanflug von Flugzeugen. An dem C2Land genannten Projekt arbeiten die Technischen Universitäten in Braunschweig und München.

 

Sie wollen innerhalb der nächsten zwei Jahre einen Prototyp entwickeln, der Fliegern automatisches Landen ermöglicht, wenn ein Flughafen kein Instrumentenlandesystem besitzt.

 

Um Galileo-Signale zu empfangen, benötigen Smartphones und Navigationsgeräte neue Empfänger, die im Idealfall auch die Signale der Konkurrenz nutzen. Die ersten Empfänger, die das können, kommen jetzt auf den Markt.

 

So bietet das englische Unternehmen Telit Wireless Solutions einen Empfangschip an, der GPS, Glonass, Beidou und Galileo kombiniert. Er soll so genau sein, dass er im Wald und zwischen Hochhäusern exakt navigiert – und so empfindlich, dass er selbst in Innenräumen funktioniert.

 

Handelsblatt 09.06.2015

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