JSP Gruppe

MQB – Modularer Querbaukasten

Die Welt der Autohersteller hat sich in den letzten Jahren durch die Globalisierung drastisch verändert. Während früher zig, wenn nicht gar Hunderte teilweise wirklich kleine Hersteller nebeneinander herexistierten, sichert heute nur schiere Größe das Überleben. Längst haben Konzerne wie Ford oder VW etliche Konkurrenten geschluckt, sind Markengeflechte entstanden, die nur noch Experten wirklich verstehen.

Als einfacher Kunde hat man davon wenig mitbekommen. Sich höchstens gewundert, wenn einem im Cockpit eines Jaguar bis vor einigen Jahren noch die gleichen, billigen Hartplastikknöpfe anguckten, die auch im Ford Mondeo verbaut wurden. Oder man heute in einem Bentley sitzt und einem das Navigationssystem irgendwie aus dem VW-Phaeton bekannt vorkommt.

Das Verbauen von gleichen Teilen spart Kosten, vereinfacht die Entwicklung, schafft Synergien quer über alle Marken und Baureihen, kurz, ist ein unschätzbarer Vorteil im harten Kampf um die automobile Weltherrschaft. Insofern ist es wenig überraschend, dass ausgerechnet Volkswagen, der selbsterklärte baldige Weltmarktführer, jüngst ein neues Produktionsverfahren eingeführt hat.

Lego statt Schnitzen

„MQB“ – modularer Querbaukasten heißt das etwas nüchtern. Doch der Effekt ist nicht zu unterschätzen. Im Vergleich zu den Plattformstrategien anderer Hersteller ist das neue System, als würde man ein Spielzeugauto aus Legosteinen bauen – statt es sich aus Holz zurechtzuschnitzen.

Im VW-Konzern wird die Vereinheitlichung künftig so weit getrieben wie noch nie. Für alle Autos mit vorne quer eingebautem Motor sollen künftig die gleichen Kernkomponenten verwendet werden – egal wie groß der Wagen ist, egal um welchen Autotyp es sich handelt und ganz gleich ob der Wagen von VW, Audi, Skoda oder Seat stammt.

Das gigantische Synergieprogramm betrifft allein bei VW zehn Baureihen, im ganzen Konzern sind es mehr als 30. Statt bislang rund 300 verschiedener Motor-Getriebe-Varianten gibt es künftig nur noch 36, statt 102 Klimaanlagen-Modulen nur noch 28, statt mehrerer Dutzend Getriebeglocken nur noch eine einzige.

So werden selbst Kleinserien profitabel

Getriebeglocke? So heißt im Fachjargon das Verbindungselement zwischen Motor und Getriebe. Es ist quasi das Herzstück des Antriebsstrangs, und genau hier setzt der MQB an. Denn immer wird die Einbaulage des Motors absolut identisch sein. Stets ist die Maschine um 12 Grad nach hinten geneigt, stets weist die „heiße“ Motorseite, an der die Abgase in die Auspuffanlage geführt werden, nach hinten, und in jedem Fall ist der Abstand zwischen der Pedalerie und der Vorderradmitte auf den Millimeter gleich.

Um diese Fixpunkte herum sind alle anderen Abmessungen beliebig. Bei Radgrößen, Spurbreite, Achsabstand, Sitzposition, Dachhöhe beispielsweise haben die Designer freie Hand. „Von einer zunehmenden Einförmigkeit der Autos kann also keine Rede sein“, beruhigt VW-Sprecher Peter Weisheit. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall. „Es wird in Zukunft viel einfacher, attraktive Nischenmodelle zu bauen, deren Fertigung sich bislang aufgrund der geringen Stückzahlen nicht gelohnt hat.“

Dank des MQBs jedoch könnten auch solche Autos Gewinn abwerfen, weil sie schneller zu entwickeln und einfacher zu produzieren seien. Überhaupt ist der Clou des Systems der, dass die Kunden vom immensen Einsparpotenzial praktisch nichts mitbekommen. Künftig nämlich kann im Prinzip jedes MQB-Modell in jeder für den MQB ausgelegten Fabrik gebaut werden. Das verschafft VW eine einzigartige Flexibilität. Dazu kommt, dass die Fertigungszeit der einzelnen Modelle durch die MQB-Architektur um bis auf die Hälfte der bisherigen Zeit reduziert werden kann. Das jedenfalls schätzen Branchenkenner.

Vereinheitlicht werden die nicht sichtbaren, aber teuren Teile des Autos

Der Automobilwirtschaftler Willi Diez von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen taxiert die Kosteneinsparungen durch das MQB-System auf etwa 30 Prozent. „Der neue VW-Baukasten umfasst ja vor allem die Teile des Autos, die am teuersten sind“, sagt Diez. Dazu komme der Vorteil, mit neuen Produkten schneller auf dem Markt sein zu können, einfach weil die Basis ja immer schon vorhanden sei.

Die ersten Autos, die auf dem MQB basieren, sind der Audi A3 (ab Juni 2012) und neue VW Golf (ab November 2012). Dass die neuen Modelle künftig billiger werden, weil sie schneller und einfacher produziert werden können – diese Hoffnung wird wohl unerfüllt bleiben. Man werde in die Autos mehr Ausstattung stecken, um so die Attraktivität zu steigern, heißt es in Wolfsburg. Gern bemühen die VW-Manager dann die Phrase von der „Demokratisierung der Sicherheit und der Innovationen“. Im Klartext: Auch Klein- und Kompaktwagen sollen vollgestopft werden mit Assistenzsystemen, denn der Aufwand ist gering, das Kundeninteresse aber vermutlich groß.

Bis 2018 soll der MQB konzernweit im Einsatz sein. Werden dann die Typen von Skoda und Seat, VW und Audi einander noch ähnlicher als jetzt schon? Eindeutig ja. Doch man wird es den Autos nicht ansehen. „Ist es den Kunden wirklich wichtig, ob Motor, Klimaanlage oder Bodenbleche identisch sind?“ fragt Diez. Porsche Cayenne und VW Touareg, zwei Geländewagen mit einem Gleichteileanteil von rund 80 Prozent, würden sich jedenfalls prächtig verkaufen.

Ein fehlerhaftes Bauteil hätte weitreichende Folgen

Heikler sei die Situation im Falle eines fehlerhaften Bauteils. Fabian Brandt, Autoexperte der Managementberatung Oliver Wyman, sagt: „Wenn es Qualitätsprobleme geben sollte, hätten diese sofort einen viel größeren Umfang, als das in der Vergangenheit der Fall war. Enorme Kosten- und Imagerisiken etwa für Gewährleistungsfälle oder Rückrufaktionen wären die Folge.“ Toyota erlebte zuletzt ein derartiges Horrorszenario, als vor zwei Jahren mehr als fünf Millionen Autos wegen klemmender Gaspedale in die Werkstätten gerufen wurden. Bei VW heißt es, man wolle diesem Risiko durch eine strenge Qualitätskontrolle begegnen. Das bedeute auch eine größere Verantwortung für jeden einzelnen Werker am Band.

Mit dem MQB wird das Produktionspuzzle des VW-Konzerns allmählich komplett. Der modulare Längsbaukasten (MLB) für Autos mit längs eingebautem Motor ist bereits im Einsatz, er entstand unter der Leitung von Audi. Auch einen modularen Ottomotor-Baukasten (MOB) und einen Dieselmotor-Baukasten (MDB) gibt es schon, ebenso den NSF-Baukasten für die Kleinstwagen des Konzerns (New Small Family). Fehlt noch der modulare Standardantriebsbaukasten (MSB), der aktuell unter der Leitung von Porsche ausgetüftelt wird. Dann ist der riesige Auto-Lego-Baukasten komplett.

——————-
Was ist der Modulare Querbaukasten?

Hinter der etwas kryptischen Bezeichnung „Modularer Querbaukasten“ (kurz: MQB) verbirgt sich ein neues Plattformkonzept von Volkswagen, das die Fahrzeug-Produktion vereinheitlichen und in mehr als 40 Modellen von VW, Audi, Skoda und Seat Vorteile bei der Produktion mit sich bringen soll.

Was verändert sich mit dem MQB?

Zum Einen bietet der Modulare Querbaukasten die Möglichkeit neben den herkömmlichen Verbrennungsmotoren auch alternative Antriebe wie Erdgas, Hybrid oder Antriebskomponenten für Elektrofahrzeuge in identischer Lage einzubauen. Zum Anderen verbindet der MQB vereinheitlichte Technikmaße wie den Abstand zwischen Gaspedal und der vorderen Radmitte mit variablen Parametern, wie etwa beim Radstand, den Spurbreiten und den Radgrößen. Auf diese Weise kann der MQB also auf verschiedene Fahrzeuge übertragen werden.

 

Welche Vorteile bietet der MQB dem Kunden?

VW-Fahrzeuge sollen künftig mehr Platz im Innenraum, eine verbesserte Sicherheit, ein verringertes Gewicht und verbrauchsgünstigere Motoren erhalten.

Dank MQB wird der neue VW Golf leichter

Ein grundlegendes Merkmal des MQB ist die Vorverlagerung der Vorderräder um bis zu vier Zentimeter (Kompaktklasse). Neben mehr Platz im Innenraum soll sich so auch der Insassen-Schutz weiter verbessert haben. Mit der Verwendung von gewichtsoptimierten Bauteilen, wird außerdem das Fahrzeuggewicht gesenkt. So soll zum Beispiel der neue Golf um einiges leichter werden als das aktuelle Modell – mehr noch, nach Aussage von VW wird der Golf VII (alle Infos zum neuen VW Golf VII) nur noch so viel wie ein Golf der vierten Generation auf die Waage bringen.

Im Durchschnitt werden alle auf dem MQB basierenden Fahrzeuge mindestens 40 Kilogramm leichter sein als ihre direkten Vorgänger. Des Weiteren hat Volkswagen im Zuge der Einführung des MQB auch eine neue Generation von Motoren entwickelt. Die sollen künftig kompakter bauen, weniger Platz einnehmen und gleichzeitig sparsamer sein.

Welche Antriebssysteme wird es innerhalb des Modularen Querbaukasten geben?

Volkswagen hat im Zuge der Einführung des MQB jeweils zwei neue Benzin- und Diesel-Aggregate entwickelt. Der Vierzylinder-TSI-Benzinmotor mit 1,2 Litern Hubraum leistet 85 oder 105 PS, das 1,4-Liter-Aggregat wird mit 122 oder 140 PS Leistung erhältlich sein. Das maximale Drehmoment beträgt 165 und 175 Nm bei den 1,2-Liter-Motoren, die beiden 1,4-Liter-Varianten bringen es auf 200 und 250 Nm ab einer Drehzahl von 1.400U/min.

Die neuen Dieselmotoren kommen mit 1,6 und 2,0 Litern Hubraum und leisten zwischen 90 und 190 PS. Das maximale Drehmoment reicht von 250 bis 380 Nm. Auch die Selbstzünder sollen beim Verbrauch deutlich sparsamer werden und die ab September 2014 geltende Euro-6-Norm erfüllen. (Kommentar aus 2017: Naja, sollten Sie zumindest laut Werbung der Autohäuser…)

Modularer Querbaukasten bietet leichtere Motoren

Mit der Verwendung von Aluminium verlieren alle Motoren deutlich an Gewicht – beim 1,4-Liter-Benziner mit 122 PS sollen es sogar mehr als 20 Kilogramm sein. In Verbindung mit dem optimierten Thermomanagement konnte somit nach Aussage von VW, eine Verbrauchsersparnis von bis zu zehn Prozent erreicht werden.

Ganz neu ist die Zylinderabschaltung, die im 1.4 TSI ihre Premiere feiern wird. Zwei der vier Zylinder werden immer dann abgeschaltet, wenn der Fahrer in einem Drehzahlbereich zwischen 1.250 und 4.000 U/min. unterwegs ist und das Drehmoment zwischen 25 und 100 Nm liegt. Im Normzyklus soll diese Technik zu einer Verbrauchsersparnis von 0,4 L/100 km führen.

Mit dem VW Golf Blue-e-Motion kommt 2013 dann das erste rein elektrisch angetriebene Fahrzeug, das auf dem Modularen Querbaukasten basiert. Die Kompaktklasse wird außerdem mit Erdgas betrieben Motoren erhältlich sein.

In welcher Verbindung stehen die neuen Motoren mit dem MQB?

Wie bereits beschrieben werden innerhalb des MQB alle Motoren in einer einheitlichen Lage eingebaut. Bei den neuen Benzinmotoren wurde der Zylinderkopf gedreht, so dass – analog zu den Dieselmotoren – die Ansaugseite des Motors zur Fahrzeugfront und die Abgasseite zur Fahrgastzelle gerichtet ist.

MQB für Kleinwagen, Kompakt- und Mittelklasse

Auf diese Weise konnte eine einheitliche Verbindung zwischen Motor und Getriebe realisiert werden, die es erlaubt, alle Motoren mit dem gleichen Getriebe zu koppeln. VW konnte nach eigenen Angaben die Motor- und Getriebe-Varianten im MQB um 88 Prozent reduzieren. Mit der nach hinten geneigten Einbaulage in einem für Benziner und Diesel identischen Winkel von zwölf Grad können auch der Antriebsstrang und die Antriebswellen vereinheitlicht werden.

Warum führt Volkswagen den MQB ein?

Der VW-Konzern führt den markenübergreifenden MBQ in den besonders volumenstarken Segmenten (Kleinwagen, Kompakt- und Mittelklasse) ein, um weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben. Mit der neuen Plattform soll die Produktion der Fahrzeuge mit der Verwendung baugleicher Module entscheidend vereinfacht und kostengünstiger gestaltet werden. Außerdem will Volkswagen mit dem Modularen Querbaukasten ein international marktgerechtes Preismodell erschaffen um auf diese Weise auch den Markt in den Schwellenländern besser bedienen zu können.

Welche Vorteile bringt der MQB für den Konzern?

Unterm Strich können mit der Standardisierung von Bauteilen, Maßen und Produktionsabläufen die Kosten gesenkt und Fertigungszeiten reduziert werden. Volkswagen lässt jährlich Millionen Exemplare der insgesamt über 220 Konzernmodelle in weltweit mehr als 90 Standorten produzieren. Eine Standardisierung von Komponenten und Fertigungsprozessen hat daher wirtschaftliche Vorteile. Außerdem erhöht sich mit dem MBQ die Flexibilität bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge, so lassen sich zum Beisiel Nischen schneller bedienen.

Welche Komfort- und Assistenzsysteme hat der MQB zu bieten?

Mit dem Modularen Querbaukasten halten neue Assistenzsysteme und technische Innovationen Einzug in die Klasse der Kompakt- und Kleinwagen. Die Liste ist lang: kamerabasierte Verkehrszeichenerkennung, Müdigkeitserkennung, automatische Distanzkontrolle ACC, Umfeldbeobachtungssystem Front Assist, Spurhaltesystem Lane Assist, Multikollisionsbremssystem,Vorderachsquersperre VAQ, Progressivlenkung und ein proaktives Insassenschutzsystem werden in Zukunft auch für VW Golf und Audi A3  erhältlich sein.

Wann kommen die ersten Modelle, die auf dem MBQ bauen?

Der neue Audi A3 wird das erste Fahrzeug sein, das auf dem Modularen Querbaukasten baut. Das Kompakt-Modell der Ingolstädter wird ab Juni 2012 bei den Händlern stehen. Ende des Jahres folgt dann mit der siebten Generation des VW Golf das zweite Fahrzeug, das auf der neuen Plattform basiert.

Merken

© 2013 JSP-Gruppe //Impressum